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Verlauf der Leipziger Frühjahrsmesse 1971 (2. Bericht)

18. März 1971
Information Nr. 212/71 über den Verlauf der LFM 1971 (2. Bericht)

1. Zu den Ergebnissen der Realisierung der Exportaufgaben gegenüber der Sowjetunion

Mit dem Stand vom 16.3.1971 wurde der Exportplan gegenüber der Sowjetunion zu 87,7% der Jahresexportaufgabe vertraglich gebunden. Die vertragliche Bindung mit Liefertermin im I. Quartal beträgt inzwischen 1 723 Mio. Mark.

Per 16.3.[1971] wurden bisher 1 057,7 Mio. Mark realisiert. Das entspricht 61,2 % der staatlichen Auflage für das I. Quartal. Auf dem Konsumgütersektor betrug der Stand der Realisierung 62,4 % der Quartalsaufgabe. Das MAW ist nach wie vor der Auffassung, dass die Realisierung der Planaufgabe für das I. Quartal sowohl im allgemeinen Teil wie auch im Konsumgüterteil gesichert ist. Angesichts des langsamen Zuwachses bei der Realisierung der Exportaufgaben (in den letzten zwei Tagen auf dem Konsumgütersektor mit knapp 18 Mio. Mark gleich 2,2 % der Quartalsauflage) ist die Einschätzung des MAW sehr optimistisch.

Inzwischen hat sich die Abnahmebereitschaft der Sowjetunion – offensichtlich in Auswirkung der Verhandlungen mit dem Stellvertreter des Vorsitzendendes Ministerrates der UdSSR Dymschiz1 verbessert, sodass Textilien, Lederwaren und in bestimmtem Umfange elektrische Haushaltgeräte zügig disponiert werden. Nach wie vor gibt es jedoch auf sowjetischer Seite Vorbehalte gegen bestimmte Konsumgüter.

Die aufgeführten Zahlen über die Realisierung der Exportaufgaben sind nicht unbedingt zuverlässig. Es gibt Hinweise, dass die leitenden Genossen vom MAW die Entwicklung quantitativ nicht im Griff haben, da die Buchung der Verträge und ihre Realisierung in den einzelnen Außenhandelsbetrieben in unterschiedlichem Tempo erfolgt. Nicht in allen Außenhandelsbetrieben besteht deshalb eine klare Übersicht. Hinzu kommt, dass im Zusammenhang mit den vorgesehenen Exportlieferungen eine Reihe von Problemen offen bleibt.

Das bezieht sich sowohl darauf, dass bei einer Reihe von Erzeugnissen die bereits in die Statistik eingegangen sind, die Abnahmebereitschaft der Sowjetunion noch nicht geklärt ist bzw. Zusagen zum Abnahmetermin noch fehlen.

Auf der anderen Seite gibt es noch eine Reihe von ungeklärten Fragen hinsichtlich fehlender Zulieferungen, zum Teil auch aus dem sozialistischen Ausland.

2. Zum Auftreten und zur Konzeption der westdeutschen Seite auf der Messe2

Die westdeutsche Haltung auf der Messe wird durch eine gegenüber den Vorjahren veränderte Taktik charakterisiert. Während in den Vorjahren von offizieller Seite entgegenkommend aufgetreten wurde und die westdeutsche Seite den Eindruck zu erwecken suchte, dass sie an der Lösung der Handelsfragen und an einem Abbau der von ihr zu verantwortenden administrativen Behinderungen3 interessiert sei, wird auf der diesjährigen Frühjahrsmesse offiziell eine erheblich frostigere Linie eingeschlagen.

Leitende Beamte des Wirtschaftsministeriums erklärten zwar offiziell, dass an der bisherigen Linie festgehalten werden sollte; aber in der Praxis gibt es eine Reihe von Störungen und Interventionen, die das reibungslose Funktionieren des Handels beeinträchtigen. Solche Störmanöver, die auch in den Gesprächen auf der Leipziger Messe eine Rolle spielen, sind insbesondere folgende:

  • Ungeachtet der Erweiterung des Handelsvolumens zwischen der BRD und der DDR lehnte die BRD die Erhöhung des Swings4 (Anpassung an den gestiegenen Umsatz) ab.

  • Die Westseite führt eine Kampagne gegen die derzeit von der DDR gebildeten Vertreterfirmen, die die Vertretung von DDR-Erzeugnissen in Westdeutschland übernehmen sollen. Intern wird dazu bekannt, dass eine Ergänzung des entsprechenden Erlasses des BMWi vorbereitet wird, um die Tätigkeit der von der DDR in Westdeutschland gebildeten Vertretergesellschaften einzuschränken.

  • In den letzten Tagen verstärkt sich die Kampagne gegen angebliche Verstöße der DDR gegen die Bestimmungen der EWG.

  • Die Westseite verlangt von der DDR Bezugsgarantien im Rahmen der in den Warenlisten vereinbarten Kontingente. Das betrifft insbesondere Erzeugnisse der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie. Westlicherseits werden jedoch solche Garantien unter Hinweis auf die Existenz der Marktwirtschaft abgelehnt.

  • In letzter Zeit wird das Problem der Verzugszinsen für überfällige Zahlungen hochgespielt.

  • Die westlichen Konzerne verfolgen ziemlich einheitlich die Linie, die Zahlungsziele für ihre Lieferungen in die DDR herabzusetzen.

Die westliche Seite zeigt ein offensichtliches Desinteresse an der Erweiterung und dem Ausbau des Handels zwischen der DDR und der BRD zu den gegenwärtigen Bedingungen. Es gibt Äußerungen aus Konzernkreisen, nach denen der Anteil der BRD am Außenhandel der DDR mit 12 % gegenwärtig hoch genug sei, um die DDR in bestimmte Abhängigkeiten zu bringen. Leitende Vertreter der DEMAG erklärten dazu, dass eine solche Größenordnung im Handel es der DDR unmöglich mache, diesen zu unterbrechen.

In dieses Bild fügt sich auch die Inaktivität des Beauftragten der Regierung der BRD für den Handel mit der DDR, Ministerialdirigent Kleindienst,5 auf der Messe ein. Im Gegensatz zu den Vorjahren bemüht sich Kleindienst nicht um Kontakte zu leitenden Funktionären der Außenwirtschaft der DDR, insbesondere zu den Generaldirektoren der AHB. Auch die westdeutschen Journalisten, die offensichtlich nach einer einheitlichen Linie über die Wirtschaftsproblematik der Messe berichten und sich mit der Treuhandstelle für den Interzonenhandel6 sowie dem Kontaktbüro des DIHT auf der Messe abstimmen, verhalten sich nicht besonders aktiv. Auf der Pressekonferenz aus Anlass der Leipziger Messe meldete sich kein westdeutscher Journalist mit einer Frage.

Diesem Desinteresse an der Erweiterung des Handels mit der DDR zu den gegenwärtigen Bedingungen steht eine erhöhte Aktivität der Monopolkreise Westdeutschlands gegenüber, die auf die Verklammerung der Wirtschaft der DDR mit der BRD hinzielt.

In diese Richtung zielt auch ein Angebot, das der DDR vom bundeseigenen Konzern Salzgitter AG unterbreitet wurde. Dieses Angebot sieht vor, dass sich die DDR mit wesentlichen Zulieferungen an der Errichtung eines metallurgischen Kombinates auf der Insel Neuwerk in der Elbemündung beteiligen soll.7 Dieses Werk soll eine Kapazität von ca. 10 Mio. Tonnen Walzmaterial pro Jahr in der ersten Aufbaustufe bringen (EKO8 soll nach seinem Endausbau ca. 1,5 Mio. Tonnen bringen). Dieses Werk soll dann Tiefziehbleche in die DDR und andere sozialistische Länder liefern.

Falls die DDR es ablehne, sich mit Zulieferungen an diesem Werk zu beteiligen, wolle sich Salzgitter an ein anderes sozialistisches Land wenden.

Eine Zustimmung der DDR zu diesem Vorschlag würde die DDR beim Import von Tiefziehblechen von der BRD abhängig machen.

Es zeigt sich an diesen und an anderen Beispielen, dass die BRD unter Ausnutzung ihrer gegenüber der DDR größeren Wirtschaftskraft eine Verklammerung bei Lieferungen und Bezügen strategischen Charakter herbeiführen will. Sie arbeitet dabei gegenüber der DDR mit dem Argument, dass die Produktionskooperation mit den übrigen sozialistischen Ländern gute Ergebnisse bringe und dass solche Ergebnisse auch mit der DDR erzielt werden müssten.

Die in Leipzig anwesenden Konzerne, insbesondere der Metallurgie, sind bestrebt, die gegenüber der DDR eingegangenen Verpflichtungen zum Import von Erzeugnissen der metallverarbeitenden Industrie der DDR zu realisieren. Die Einkaufstätigkeit der Konzerne geht unvermindert weiter. Die meisten Konzerne haben umfangreiche Einkaufsdelegationen nach Leipzig entsandt.

Seitens der Waren- und Versandhauskonzerne der BRD wird versucht, in den Verhandlungen die Preise zu drücken. Derartige Versuche konnten mit Hinweis auf die internationalen Preistendenzen zurückgewiesen werden.

3. Zur Beteiligung an der Leipziger Frühjahrsmesse 1971

Im Allgemeinen kann eingeschätzt werden, dass die Einladungspolitik der Außenhandelsbetriebe die zu erwartenden Ergebnisse gezeigt und dazu geführt hat, dass alle eingeladenen Vertreter und alle potenziellen Käufer aus den europäischen kapitalistischen Ländern und aus Übersee anwesend sind.

Verstärkt hat sich die Beteiligung potenzieller Käufer aus Frankreich, Italien und der BRD, vermindert aus Schweden, der Türkei, Spanien und Österreich.

Die Sowjetunion hat die Ebene der von ihr nach Leipzig entsandten Vertreter in einigen Fällen erhöht. Im Unterschied zu vergangenen Jahren sind von allen maßgeblichen Außenhandelsunternehmen bevollmächtigte Vertreter anwesend.

In Einzelfällen reisten Kunden nicht an, da ihnen Quartiere in Geraer bzw. Hallenser Hotels angeboten wurden.

Zum Wochenende werden in Leipzig Berthold Beitz9 und Staatssekretär Rohwedder10 erwartet. Rohwedder ließ durch Kleindienst anfragen, ob er von Minister Sölle11 empfangen werden könnte. Eine Entscheidung darüber ist noch nicht gefallen.

Die in Leipzig anwesenden Vertreter aus kapitalistischen Ländern Westeuropas und Übersee weichen politischen Diskussionen unter Hinweis auf den Vorrang der Ratifizierung der Verträge der BRD mit der Sowjetunion und der VR Polen12 aus. Der Vorsitzende der Sektion DDR bei der Londoner Handelskammer Peel13 äußerte z. B. gegenüber dem Präsidenten der Kammer für Außenhandel der DDR Genossen Murgott,14 dass Großbritannien im Interesse der Ratifizierung der Verträge die Regierung Brandts15 nicht in Schwierigkeiten bringen wolle.16

Französische und japanische Vertreter auf der Messe drückten ihre Bereitschaft zur Erweiterung des Handels mit der DDR – auch importseitig – aus.

Die Aktivität der japanischen Industrie auf der Messe, insbesondere der Metallurgie, führte dazu, dass der Generaldirektor des staatlichen französischen Außenhandelsamtes17 Gorse18 die Schlussfolgerung ziehen musste, dass die französische Industrie ihre kommerzielle Tätigkeit gegenüber der DDR intensivieren müsse.

74 Firmen aus verschiedenen Ländern sind nicht mit Ausstellungsständen, sondern mit Informationsständen, Verhandlungsräumen, Informationsbüros und Ähnlichem vertreten. Sämtliche Einrichtungen dieser Art befinden sich auf dem Territorium der Messe. Dabei handelt es sich um folgende Kategorien von Firmen und Organisationen:

  • Firmen, deren Branchen nur zur Herbstmesse ausstellen (insbesondere Firmen der chemischen Industrie);

  • Handelsgesellschaften ohne eigene Produktion;

  • Dienstleistungsfirmen wie Speditionen, Vermittlungsagenturen und Ähnliches;

  • Stände, die von Informationsbüros westlicher staatlicher oder halbstaatlicher Organisationen, die als Verhandlungspartner der Kammer für Außenhandel der DDR bzw. des Amtes für Außenwirtschaft auftreten, belegt sind.

Laut polizeilicher Anmeldung reisten bis zum 16.3.1971 folgende Personen ein:

[Staaten]

LFM 1971

Vergleich Vorjahr

sozialistische Staaten

13 194

- 424

BRD

18 451

+ 3 284

WB

1 509

- 23

Entwicklungsländer

215

+ 19

kapitalistische Industrieländer

5 529

+ 136

Gesamt

38 898

+ 2 992

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